
Es ist jetzt genau zwei Uhr morgens, ich sitze auf der Terrasse und blicke in den Nachthimmel. Die Nacht ist klar, ich schaue hinauf zu den Sternen und lausche dem Quaken der Frösche.
Das Haus ist ruhig, beschaulich, alles wirkt friedlich. Nur ich bin wach, und in mir ist es alles andere als friedlich. Meine Gedanken wandern einige Monate zurück…
Am Abend des Tages, als Jannes gefunden wurde, habe ich meinen Schmuck abgenommen. Mir war danach. Nur den Ehering habe ich auf dem rechten Ringfinger belassen. Warum?
Am nächsten Morgen, als ich Jannes‘ persönliche Dinge erhielt, nahm ich seinen Ring aus dem Kuvert und steckte ihn mir an. Seitdem habe ich ihn nie mehr abgenommen. Anfangs trug ich auch immer sein Armband. Das heißt, ich trug es tagsüber, und Vivi nachts. Ich habe es ihr ganz überlassen weil es ihr gut tut, wie eine geheime Quelle der Kraft. Von Hawaii habe ich aus Kona eine wunderschöne Perlenkette mitgebracht, die immer um meinen Hals liegt. Die Perlen fühlen sich angenehm kühl und glatt an, schmiegen sich an die Haut, und wenn es mir nicht gut geht, umschließe ich sie fest mit einer Hand. Würde jemand darauf achten, könnte er schon alleine daran erkennen, wie es mir gerade geht, auch wenn ich in dem Moment vielleicht dasitze wie eine Sphinx.
Vor einigen Tagen, bei irgendeiner unwichtigen Tätigkeit, fiel mein Blick auf den Ehering an meiner rechten Hand. Gelbgold, händisch zu einem breiten, geschmackvollen Ring verarbeitet. Rund, innen glatt, und, wie ich mich erinnere, mit einer Gravur versehen. Außen ein Muster, so wie kleine Wellen auf einer glatten Wasseroberfläche. Der Ring hat mir immer gut gefallen. Aber auch wenn er schön ist, so hat er doch keine Berechtigung mehr, auf diesem Platz getragen zu werden. Das wurde mir in diesem Moment, als mein Blick darauf fiel, klar. Also zog ich ihn ab und legte ihn in eine Schublade. Ein seltsames Gefühl, irgendwie fühlt sich die Hand nackt an, aber es fühlt sich richtig an. Ich wundere mich, warum ich ihn nicht viel früher abgenommen habe. Schön als Ring, doch wertlos als Symbol.
Zwei Tage später, ich war gerade auf dem Weg ins Badezimmer, stand T. vor mir und ich wollte vorbeigehen. Er fragte mich nach einem Kuss und ich sagte nein. In versucht scherzhaftem Ton meinte er, auch wenn ich keinen Ring mehr trage, könne ich ihm ja im Vorbeigehen einen Kuss geben. Ich fragte ihn, ob er einen einzigen Grund wisse, der dafür spräche. Es fiel ihm keiner ein und ich sagte: „na also, genau deshalb“. Dann wurde nicht mehr darüber gesprochen.
Ich hätte Lust, zu ihm zu sagen: “So mein Freund, ich habe innerlich gekündigt, dass Du es nur weißt!“ Aber das geht so nicht. T. ist nicht mein Freund, wird es nie sein. Was ist er dann? Mein Mann, aber das fühlt sich auch nicht richtig an, und mit dem Attribut „mein“ davor schon gar nicht. Mein Noch-Ehemann – ja, vielleicht. Mein Mitbewohner, schon eher, mein Nebenbewohner, das wäre es, würde dieses Wort existieren.
Ich lese viel und beschäftige mich seit vielen Jahren mit Metaphysik, dieses Wort trifft es am ehesten. Eine der Quintessenzen ist, quer durch alle Zeiten und Kulturen, dass wir selber unsere Welt erschaffen, dass wir Gestalter unseres Lebens sind, dass es keine Zufälle gibt, um nur Weniges zu nennen. Wenn es so ist, dann muss ich beim Gestalten dieses Teils meines Lebens gerade einen Systemausfall gehabt haben, anders kann ich mir das nicht erklären. Auch beim Resonanzgesetz werde ich nicht fündig. Ich bin unter anderem kommunikativ, direkt, einfühlsam, denke positiv, wähle meine Worte achtsam, und finde mich wieder an der Seite eines Mannes mit der Wärme eines Fisches, gleichgültig, gefühlskalt, emotionslos.
Paradox, dass wir damals zusammengekommen sind, weil ich das Gefühl hatte, mit ihm gut reden zu können. Sein Ich zeigte er erst später. Man kann mit T. reden, nur nicht über alles, was ihn betrifft, denn das geht niemandem etwas an, auch nicht über meine Gefühle, bitte sehr, denn er könnte ja daran schuld sein, und auch nicht über die Beziehung, denn er könnte ja daran schuld…. Was bleibt, sind unverbindliche, neutrale Themen. Nur nicht an der Oberfläche kratzen, immer nach dem Motto „wenn ich so tue, als gäbe es keine Probleme, gibt es sie auch nicht“. Das widerspricht meiner Natur, läuft allem entgegen, was ich bin.
Vielleicht werde ich ja bei der Natur fündig und bei jenen Hormonen, die einem zeitweilig die Sinne verwirren und den Intellekt ausschalten, nur um die Art als solche zu erhalten. Das mag sein, denn anders kann ich mir nicht erklären, in diesem Zustand gelandet zu sein.
Ich weiß, wie man Ich-Botschaften transportiert, wie man achtsam kommuniziert, doch bei T. nützt alles nichts. Er bleibt wortlos, zuckt gelegentlich die Achseln, wirft mir eine seiner wenigen Standardphrasen ins Gesicht, teilnahmslos, so als würde ihn das alles nichts angehen. Wenn er gut drauf ist, hört er sich meinen Monolog an, höflich, aber teilnahmslos, dreht sich wortlos um und geht, aber meistens geht er gleich, mit einer verletzenden Bemerkung auf den Lippen.
Ob das Gesetz des Karmas dafür herhalten kann?
Gestern erzählte ich ihm in aller Ruhe, dass ich mich manchmal frage, wie er wohl reagieren würde, wenn ich die Scheidung einreiche und er den Bescheid durch die Post bekäme. Würde er einfach unterschreiben? Er antwortete, das wisse er nicht.
Vor einer Woche waren wir in Wien, am Friedhof, bei Jannes‘ Grab. Ich kniete am Boden und weinte bitterlich. Er ließ mich einfach sitzen und ging. Nicht eine Umarmung, kein tröstendes Wort, nichts. Als ich ihn heute fragte, warum das so sei, zuckte er nur mit den Schultern…
Sollte die Ursache im Karma zu suchen sein, dann habe ich gebüßt, wofür auch immer. Wenn meine Sinne je getrübt waren, sind sie jetzt klar. Sollte ich je einen Systemausfall gehabt haben, so arbeitet mein System jetzt messerscharf und ich bin wach. Und im Falle der Wirksamkeit des Resonanzgesetzes gilt, dass hier sicher keine Resonanz mehr besteht.
Es ist jetzt 3.30. T. schläft tief und fest, wie immer. Doch die Zeit, wo er nicht schlafen kann, kommt!